Die Dresche trifft die Falschen

Geminderter oder „normaler“ Mehrwertsteuersatz? Dass diese Frage nicht so einfach ist, haben Sie ja kürzlich erst hier gelesen: Krabben 7 und Garnelen 19 Prozent oder umgekehrt. Und und und – ich will Sie nicht langweilen.

Es ist natürlich schon ein Wahnsinn. Und deswegen kommen sie ja auch alle Jahre wieder: die Artikel, in denen nur drinsteht, was wie viel Prozent Mehrwertsteuer kostet.

Gute Nachricht für Freunde des komplexeren Wahns – falls Sie zu den anderen gehören, müssen Sie jetzt ganz stark sein: Nicht genug damit, dass die Antworten auf die Frage völlig unlogisch sind. Vielmehr wird auch für ein und dasselbe Produkt mal der eine, mal der andere Steuersatz fällig – je nachdem, ob Sie sitzen oder stehen: für die Currywurst, das haben Sie ja vielleicht schon gelesen.

Allerdings beziehen die Richter des Bundesfinanzhofs (BFH) gerade die Kloppe dafür von den Kommentatoren und Leserbriefschreibern zu Unrecht. Denn sie haben zwar kürzlich ein Urteil zu der Frage gefällt. Aber die Sache an sich haben die Richter a) nicht erfunden und ist b) nicht erst seit gestern so.

Grundsätzlich kosten Lebensmittel und verzehrfertige Speisen zum Mitnehmen 7 Prozent Mehrwertsteuer. Reichert der Anbieter sie mit Dienstleistung vor Ort an – Tischdecken, Teller und Besteck spülen und und und – sind es die vollen 19 Prozent Mehrwertsteuer. Steht in jedem Steuerhandbuch.

Das derzeit gern gerüffelte Urteil hat das erst einmal nur bestätigt. Die obersten Finanzrichter legten fest, dass der reduzierte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent an der Imbissbude wie bisher nur dann gilt, wenn eine Currywurst – oder Pommes – aus der Hand im Stehen gegessen wird („Essenslieferung“).

Neu legten die Richter dabei nur fest, dass die 7 Prozent auch dann noch fällig werden, wenn der Imbissgast diese „einfach oder ähnlich standardisiert“ zubereiteten Speisen an lediglich „behelfsmäßigen Verzehrvorrichtungen“ wie „Ablagebrettern“ zu sich nimmt.

Im Stehen essen gilt also nun auch als Mitnehmen. Stellt der Imbissbudenbesitzer dagegen einen Tisch und Sitzgelegenheiten bereit, gilt das als “Hier essen” – und wird damit der volle Satz von 19 Prozent fällig. Ist draußen voll und gehen die Leute zur Nachbarbutze weiter, sind wieder nur 7 Prozent fällig.

Lustig, oder? Nochmal zusammengefasst:

Früher: zum Mitnehmen 7 und im Stehen oder Sitzen 19 Prozent.

Heute: zum Mitnehmen und im Stehen 7 und nur noch im Sitzen 19 Prozent.

Wenn man das System mal einfach hinnimmt, könnte man sich vielleicht sogar über das Urteil freuen. Künftig dürfte es damit wenigstens keinen Streit mehr darüber geben, wie viele Zentimeter lang und breit eine „behelfsmäßige Verzehrvorrichtung“ sein darf, um noch als „behelfsmäßige Verzehrvorrichtung“ durchzugehen ( 7 Prozent) und nicht schon als „Tisch“ oder „Sitzgelegenheit“ (19 Prozent). Ich habe jetzt keine Zahlen parat, aber wenn da jede einzelne Butze gegen ihr Finanzamt klagt – da kommt einiges zusammen. Und für was?

Gut, womöglich wird es demnächst noch das ein oder andere Mal darum gehen, ob man auf einer Stehhilfe nun sitzt oder steht. Aber immerhin.

Nicht verdroschen werden zur Zeit übrigens gerade die, die die Systematik selbst zwar auch nicht erfunden haben, sie aber immerhin ändern könnten: die Regierungsparteien. Immerhin: Für das, was sie da zuletzt dran verbrochen haben, wurden sie verdroschen: Hotelübernachtung 7 Prozent, Frühstück 19. Und haufenweise Chaos in den Spesenabrechnungen vieler Unternehmen.

Gehste inne Stadt, was macht Dich da satt: Ne Currywurst.

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