Die Magie der Zahlen. Heute: Familieneinkommen

Kaum auszudenken, wieviele Menschen am Achten Existenzminimumbericht für das Jahr 2012 mitgewirkt haben, den das Bundesfinanzministerium da vor kurzem herausgegeben hat. Da wurde gewogen, gedreht und bewertet, was zuvor schon mal die Beamten für die Berechnung des Grundbedarfs errechnet hatten, nach dem sich die nach Hartz IV gewährten Leistungen bemessen.

An alles ist gedacht: Kosten für Wohnung, Essen, Grundbedarf der Kinder – inklusive Schulranzen und nach Alter gestaffelt und und und. Und am Ende steht dann der neue Grundfreibetrag für das Jahr 2012 da. Und der ist das eigentlich faszinierende: Mit 8004 Euro ist er nämlich exakt so hoch wie der von 2011. Verrückt.

Überhaupt Zahlen. In manchen liegt ja regelrecht Magie.

Und Sie wissen ja – hinter der steckt oft nur ein kleiner, aber mehr oder weniger harmloser Trick. Oder eine fabelhafte optische Täuschung. Nehmen Sie zum Beispiel die Angabe darüber, wie viel nicht zu versteuerndes Einkommen einer vierköpfigen Familie jährlich zusteht: rund 30.000 Euro, lesen Sie fast überall.

How come? Rechnen wir mal nach.

Ich nehme jetzt mal die Lösung gleich vorweg und schreibe dann auf, wo die Rechnung hakt.

Die Lösung:

Zweimal 8004 Euro jährlicher Grundfreibetrag für die Eltern und zweimal Kinderfreibetrag von 7008 Euro für die Kinder ergeben 30.024 Euro – steuerfreies Einkommen für eine vierköpfige Familie, egal ob verheiratet oder nicht, getrennt oder zusammen veranlagt. Soweit so richtig.

Und nun der kleine aber bedeutende Haken:

Den Kinderfreibetrag gesteht das Finanzamt Steuerzahlern erst zu, wenn die Steuerersparnis höher ist, als das Kindergeld. Das ist der Fall ab einem zu versteuernden Einkommen von rund 63.500 Euro nach der Splitting- und rund 33.500 Euro Jahreseinkommen nach der Grundtabelle. Eltern mit niedrigerem Jahreseinkommen hingegen bekommen aber nur das Kindergeld von 168 Euro monatlich für die ersten zwei Kinder.

Das Kindergeld ersetzt Eltern also praktisch den – mangels ausreichender Einkünfte – entsprechenden Steuernachlass in Höhe von 168 Euro monatlich. Das wird gewollt sein, und soweit stimmt die Rechnung.

Dass Kindergeldempfänger und per Abzug des Freibetrags besteuerte Eltern aber denselben Netto-Rabatt bekommen, heißt nun nicht, dass sie dasselbe steuerfreie Einkommen haben. Und damit bemängele ich jetzt nicht, dass Kindergeldempfänger weniger verdienen. Ich will auch nicht darauf hinaus, dass der Vorteil für Gutverdiener progressiv wächst – und ohne dass der Prozent-Vorteil gedeckelt wäre. Geschenkt.

Dumm für Kindergeldempfänger ist vielmehr, dass sie das Kindergeld zwar netto ausgezahlt bekommen – aber damit natürlich noch nicht den Rest des hierfür nötigen Bruttogehalts zur Verfügung haben, den sie bräuchten, um diesen Steuerbetrag zu erwirtschaften. Sie stehen sich also letztlich alles andere als gleich mit gutverdienenden Eltern, die den Kinderfreibetrag bekommen – nicht zuletzt deswegen, weil sie schon auf die für Gutverdiener steuerfreien 30.000 Euro durchaus Steuern zahlen. Und das nicht zu knapp.

Und die Steuern zahlen sie auch wohlgemerkt nur, weil sie statt des Freibetrags bloß das Kindergeld ausgezahlt bekommen.

Rechnen wir auch das mal nach:

Zweimal Grundfreibetrag von 8004 Euro plus zweimal Kindergeld in Höhe von 2016 Euro jährlich macht zusammen: 20.424 Euro. Verdient das Paar 30.000 Euro hat es darauf aber womöglich bereits ab dem 20.210ten Euro Steuern gezahlt – Grundfreibetrag plus ebenfalls steuerfreier Betrag für die Sozialversicherung plus mindestens 1000 Euro (bislang 920 Euro) Werbekostenpauschale oder mehr beziehungsweise Betriebsausgaben.

Konkret: Verdienen Kindergeldempfänger tatsächlich 30.000 Euro, kommen sie nach der Splittingtabelle auf immerhin 2820 Euro plus 155 Euro Solidaritätszuschlag. Nach der Grundtabelle übersteigt die Steuerlast in Höhe von 5625 Euro plus 281 Euro Soli allein schon das Kindergeld mehr als deutlich. Bei Angestellten und auch manchen Selbstständigen (Handwerker oder Journalisten zum Beispiel) kommen noch 19,5 Prozent Beitrag an die gesetzlichen Sozialkassen hinzu. Immerhin bei 30.000 Euro Jahresbrutto auch 5850 Euro.

Fazit: Pauschal von 30.000 Euro steuerfreiem Einkommen für eine vierköpfige Familie zu sprechen, ist ein Hohn.

Würde die Regierung aus dem Kinderfreibetrag ein echtes Familiensplitting mit einem echten Grundfreibetrag für jedes Kind machen, ja dann: könnte man tatsächlich davon sprechen, dass eine vierköpfige Familie gut 30.000 Euro steuerfrei verdienen darf. So nicht. So dürfen Einkommen in dieser Höhe nur die Eltern steuerfrei behalten, die sich durch ein ausreichend hohes Einkommen dafür qualifizieren. Merkwürdige Vorstellung von gerecht und sozialverträglich.

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